Europas gut ausgebildete Jugend verlässt strukturschwache Regionen.

VS – 02/2026

Immer mehr gut ausgebildete junge Menschen verlassen die strukturschwachen Regionen Europas. Anfang Februar berichtete die spanische Tageszeitung „El Confidencial“ über die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte aus Spanien in andere EU-Mitgliedstaaten. Ursache seien schlechte Beschäftigungschancen und niedrige Löhne. Trotz hoher Investitionen in Bildung führe dieser „Brain Drain“ zu einer Abwärtsspirale aus Wirtschaftsschwäche, schrumpfender Bevölkerung und nachlassenden öffentlichen Dienstleistungen – vor allem in süd- und osteuropäischen Regionen. Bereits im Januar 2023 hatte die Europäische Kommission eine Mitteilung zur Talenterschließung vorgelegt, in der sie gezielte Maßnahmen zur Förderung, Bindung und Rückgewinnung von Fachkräften vorschlägt.

Talententwicklungsfalle

Die Europäische Kommission spricht in diesem Zusammenhang von einer „Talententwicklungsfalle”: Regionen investieren zwar in Ausbildung und Qualifizierung, bieten jedoch kein Umfeld, in dem junge, gut ausgebildete Menschen eine angemessene Beschäftigung finden. Wandern die Fachkräfte ab, geraten die betroffenen Regionen in eine Abwärtsspirale aus gebremstem Wirtschaftswachstum und geschwächten öffentlichen Dienstleistungen – was wiederum weitere Abwanderung begünstigt. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, bedarf es einer umfassenden Strategie zur Förderung von Investitionen, Beschäftigung und Bindung von Talenten.

Nach Angaben der Europäischen Kommission sind derzeit 46 EU-Regionen von diesem Phänomen betroffen, die meisten davon liegen im Osten und Süden Europas. Doch auch Regionen in Ostdeutschland, Nordfrankreich und Finnland zählen dazu. Betrachtet man die Migrationsbewegungen genauer, zeigt sich jedoch ein uneinheitliches Bild: Je nach Land handelt es sich überwiegend um interne oder externe Abwanderung. In Spanien verlagert sich die Migration vor allem von den Binnenregionen nach Madrid und an die Küste, während sie in Litauen hauptsächlich in andere Länder der EU führt.

Mitteilung zur Talenterschließung

In ihrer Mitteilung zur Talenterschließung schlägt die Europäische Kommission Maßnahmen vor, um Talente gezielt zu fördern, langfristig zu binden und gegebenenfalls zurückzugewinnen. Qualifikation und Ausbildung allein reichten jedoch nicht aus, um dem Brain Drain wirksam entgegenzuwirken; entscheidend sei vielmehr die gesamte „Talent-Kette“, so die Kommission.

Die Bindung von Fachkräften gilt dabei als die größte Herausforderung. Zwar hat die wirtschaftliche Erholung in Spanien die Auswanderung zeitweise verlangsamt, doch steigende Lebenshaltungs- und Wohnkosten führen erneut zu verstärkter Abwanderung. Stellenangebote für hochqualifizierte Arbeitskräfte in Spanien bieten häufig keine wettbewerbsfähigen Gehälter. Laut „El Confidencial“ ist das Leben im Ausland kaum teurer als in Spanien, bei gleichzeitig besseren Verdienstmöglichkeiten. Die nachhaltige Bindung junger, gut qualifizierter Menschen erfordert daher einen Mix aus attraktiven Beschäftigungschancen und hoher Lebensqualität – für wirtschaftlich schwache Regionen eine Herausforderung.

Arbeitnehmerfreizügigkeit

Während die Arbeitnehmerfreizügigkeit einst als „Win-Win“-Situation betrachtet wurde, wird sie in strukturschwachen Regionen mittlerweile zunehmend kritisch gesehen, da sie gut ausgebildeten Menschen den Wegzug erleichtert. Vor diesem Hintergrund stellt sich zunehmend die Frage, wie die Arbeitnehmerfreizügigkeit im Binnenmarkt ausgestaltet sein muss, um regionale Ungleichgewichte nicht weiter zu verschärfen. In dem Artikel wird der ehemalige EU-Kommissar László Andor mit den Worten zitiert: „Wir haben zu lange gebraucht, um zu erkennen, dass sich die EU nicht nur für die Freizügigkeit, sondern auch für eine faire Mobilität einsetzen muss.“ Auch die Argumentation von Jacques Delors, dem ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission, wird aufgegriffen. Ein prosperierender Binnenmarkt sei ohne regionale Konvergenz und territorialen Zusammenhalt nicht möglich. Der Letta-Bericht warnt zudem, der Binnenmarkt solle die Bürger stärken, statt Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen sie sich gezwungen sehen, aus wirtschaftlicher Not umzuziehen. Freizügigkeit ist ein wertvolles Gut – sie muss jedoch eine echte Wahl bleiben und darf nicht zur Notwendigkeit werden.