iStockphoto/luchschenSPC-Verlängerung im Biotech Act
Erhebliche Kosten für die Gesundheitssysteme, begrenzter Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit.
CC – 05/2026
Die geplante
Verlängerung des ergänzenden Schutzzertifikats (Supplementary Protection
Certificate, SPC) zählt zu den umstrittensten Elementen des von der
Europäischen Kommission vorgeschlagenen Biotech Acts. Ein SPC kann den Schutz eines Arzneimittels nach Ablauf des
Patents verlängern und so den Markteintritt günstigerer Nachfolgeprodukte
verzögern. Für bestimmte biotechnologisch entwickelte Arzneimittel –
einschließlich Arzneimitteln für neuartige Therapien (ATMPs) – soll diese
Schutzdauer nun um weitere zwölf Monate über die bislang mögliche maximale
SPC-Dauer von fünf Jahren hinaus verlängert werden können. Welche Arzneimittel
dafür infrage kommen, richtet sich nach mehreren Voraussetzungen im Vorordnungsvorschlag.
Neue Schutzrechte für Biotech-Arzneimittel
Nach dem
Verordnungsvorschlag könnten Arzneimittel von der zusätzlichen Schutzdauer
profitieren, wenn sie mehrere Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört unter
anderem, dass sie einen neuen Wirkstoff enthalten, sich hinsichtlich
Wirkmechanismus sowie Sicherheits- und Wirksamkeitsprofil von bereits
zugelassenen Therapien unterscheiden, klinische Prüfungen in mehr als zwei
Mitgliedstaaten durchgeführt wurden und mindestens ein relevanter
Herstellungsschritt in der Europäischen Union erfolgt. Anspruchsberechtigt
wären biotechnologisch entwickelte Arzneimittel sowie ATMPs, die durch ein SPC
oder ein SPC-fähiges Patent geschützt sind.
585 Millionen Euro jährlich nur für das GKV-System
Die Deutsche
Sozialversicherung (DSV), die rund 75 Millionen gesetzlich Krankenversicherte
in Deutschland vertritt, lehnt die vorgeschlagene zusätzliche SPC-Verlängerung in ihrem
Statement entschieden ab. Nach Berechnungen der DSV könnte die Maßnahme Mehrkosten
von rund 585 Millionen Euro jährlich für die gesetzliche Krankenversicherung
(GKV) in Deutschland und von etwa 1,7 Milliarden Euro pro Jahr in der
Europäischen Union verursachen.
Wettbewerb bleibt zentral für bezahlbare Versorgung
Die Stärkung des
europäischen Biotechnologiesektors und die Verbesserung der Resilienz sind
legitime politische Ziele. Eine Verlängerung von Monopolschutzrechten ist
jedoch nicht das geeignete Instrument, um diese Ziele zu erreichen. Der Biotech
Act sollte innovative und marktreife Therapien fördern, ohne den Wettbewerb zu
schwächen.
Eine verzögerte
Markteinführung von Biosimilars durch längere Schutzfristen würde die Ausgaben
für hochpreisige Arzneimittel erhöhen und solidarisch finanzierte
Gesundheitssysteme zusätzlich unter Druck setzen. Dabei ist gerade Wettbewerb
ein zentraler Treiber für Innovation, Investitionen und einen bezahlbaren
Zugang zu Arzneimitteln.
Standortentscheidungen kaum vom SPC abhängig
Die DSV
unterstützt die Förderung von Innovation ausdrücklich, lehnt pauschale
Exklusivitätsverlängerungen jedoch ab. Aus ihrer Sicht liegen die strukturellen
Herausforderungen des europäischen Biotechnologiesektors vor allem bei
Produktionskosten, Fachkräftemangel und dem Zugang zu Risikokapital – nicht bei
einem unzureichenden Monopolschutz. Auch Bewertungen der Europäischen Kommission
zeigen, dass SPCs nur einen begrenzten Einfluss auf Standortentscheidungen für
Forschung und Entwicklung haben.
Gleichzeitig ist
die vorgeschlagene SPC-Verlängerung aus Sicht der DSV weder hinreichend
zielgerichtet noch evidenzbasiert. Die vorgesehenen Kriterien stellen vor allem
auf Neuartigkeit und Herstellungsverfahren ab, nicht aber auf einen klaren
klinischen Zusatznutzen. Statt längerer Monopolzeiträume zulasten öffentlicher
Gesundheitsbudgets fordert die DSV daher gezielte und transparente
Förderinstrumente, um Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in Europa zu stärken.
Alle Augen auf das Europäische Parlament
Im Europäischen
Parlament richtet sich der Blick nun auf den anstehenden Berichtsentwurf von
Vytenis Andriukaitis im Gesundheitsausschuss (SANT) sowie Wouter Beke im
Industrieausschuss (ITRE). Beide Berichterstatter wollen ihren gemeinsamen Entwurf
bis Ende Juni vorlegen und damit die inhaltliche Positionierung des Parlaments
zum Biotech Act einleiten.