Europäische Impulse für eine geschlechtersensible Arbeitsschutzpolitik.

SK – 02/2026

Die geschlechtersensible Ausgestaltung von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit rückt auf europäischer Ebene zunehmend in den Fokus. Diskussionen im Rahmen der Richtlinie zu Karzinogenen, Mutagenen und reproduktionstoxischen Stoffen (CMRD) sowie aktuelle Recherchen des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (ETUI) und von EUROGIP machen deutlich: Geschlechtersensibilität ist ein zentraler Faktor für wirksamen Arbeitsschutz und sollte auf EU-Ebene systematischer berücksichtigt werden.

CMRD: Geschlechterdimension mitdenken

Im Rahmen der sechsten Überarbeitung der CMRD hat die Europaabgeordnete Liesbet Sommen (EPP, BE) als Berichterstatterin die Geschlechterdimension ausdrücklich in ihre Änderungsvorschläge aufgenommen. Sie fordert, geschlechterspezifische Aspekte systematisch in künftige Bewertungen und Revisionen der Richtlinie zu integrieren. Hintergrund ist, dass Unterschiede in Expositionsmustern, physiologischer Anfälligkeit und gesundheitlichen Folgen von Frauen und Männern bislang in der arbeitswissenschaftlichen Forschung, vor allem bei chemischen Risiken, nicht ausreichend berücksichtigt werden.


Auch Änderungsanträge aus den Fraktionen Renew, Grüne/EFA und Die Linke greifen diese Forderung auf. Sie betonen geschlechtsspezifische Vulnerabilitäten und verlangen, dass die Geschlechterdimension in wissenschaftlichen Studien sowie in Stellungnahmen der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) und des Beratenden Ausschusses für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (ACSH) systematisch berücksichtigt wird. Darüber hinaus solle Gender-Mainstreaming integraler Bestandteil aller EU-Politiken und Präventionsstrategien werden.


Sollten sich diese Positionen im weiteren Gesetzgebungsprozess zur CMRD VI durchsetzen, wäre dies ein wichtiger Schritt hin zu einer evidenzbasierten und geschlechtersensiblen Regulierung im europäischen Arbeitsschutz.

Menstruation, Menopause und Mental Load: blinde Flecken im Arbeitsschutz

Auch auf gewerkschaftlicher Ebene gewinnt das Thema zunehmend an Aufmerksamkeit. Bei einer ETUI-Veranstaltung im Februar wurde deutlich, dass Aspekte wie Menstruation, Menopause und der sogenannte Mental Load in Europa bislang nur unzureichend in Gefährdungsbeurteilungen, Präventionsstrategien und arbeitsmedizinischen Konzepten berücksichtigt werden.


Dabei gilt psychische Gesundheit im modernen Arbeitsumfeld längst als zentraler Bestandteil der Arbeitssicherheit, da hohe mentale Belastungen nachweislich das Unfallrisiko erhöhen. Hormonelle Veränderungen im Zusammenhang mit Menstruation oder Menopause können zudem Konzentration, Müdigkeit, Schlafqualität, Thermoregulation und Stressverarbeitung beeinflussen – also genau jene Faktoren, die für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit entscheidend sind.


Trotzdem bleiben diese Aspekte weitgehend unsichtbar. Eine Ausnahme bildet bislang Spanien, das mit der Einführung eines bezahlten Menstruationsurlaubs zumindest einen arbeitsrechtlichen Rahmen geschaffen hat, um geschlechtsspezifische gesundheitliche Belastungen anzuerkennen.

Strukturelle Unterschiede in Exposition und Anerkennung

Der aktuelle Kommentar von EUROGIP zum „Geschlechtsspezifischen Ansatz für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz in Europa“ zeigt anhand europäischer Daten, dass sich Risiken, Expositionen und auch Anerkennungspraktiken deutlich zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Die Publikation analysiert Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten nach Geschlecht in sechs Ländern (Deutschland, Belgien, Dänemark, Spanien, Frankreich und Italien) und beleuchtet strukturelle Unterschiede in Exposition und Anerkennung.


Deutlich werden geschlechtsspezifische Verzerrungen bei der Anerkennung von Berufskrankheiten sowie Ungleichheiten beim Zugang zu Information, Prävention und arbeitsmedizinischer Überwachung. Zudem stellt EUROGIP konkrete Instrumente vor – darunter Kommunikationskampagnen, praxisnahe Leitfäden, Modellprojekte und regulatorische Ansätze – mit denen die Geschlechterperspektive systematisch in die Präventionspolitik integriert werden kann. Der Kommentar liefert damit nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern auch praxisorientierte Impulse für eine geschlechtersensible Weiterentwicklung des Arbeitsschutzes in Europa.