Rawpixel LtdBinnenmarkt und Wettbewerbsfähigkeit
Staatschefs wollen weniger Bürokratie, mehr Tempo und stärkere Zusammenarbeit.
UM – 02/2026
Im limburgischen
Alden Biesen haben am 12. Februar Europas Staats- und Regierungschefs den Weg
abgesteckt, wie die Europäische Union (EU) neuen Schwung in den schleppenden
Prozess der Erhöhung ihrer Wettbewerbsfähigkeit bringen kann. Beschlüsse sind
nicht gefasst worden – es war ein „informeller Wirtschaftsgipfel“. Mit Blick
auf ein Aktionsprogramm, das Ende 2026 vorliegen soll, verständigte man sich
jedoch auf zentrale Prioritäten. Zugleich wurde mehr Tempo eingefordert, der
Zusammenhalt gemahnt sowie unbequeme Schritte angedroht.
Aus Deutschland hieß es dazu: Notfalls müsse man die Länder dazu zwingen, „den
nationalen Handlungsspielraum im Interesse des Gemeinsamen Marktes“
einzuschränken. Gelinge dies nicht, müssten notfalls kleinere Gruppen von
Ländern vorpreschen. Dies entspricht auch der Haltung der
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die bereits mehrfach darauf
hingewiesen hat, notfalls den Mechanismus der verstärkten Zusammenarbeit in
Anwendung zu bringen. Und dazu reicht das positive Votum von neun Mitgliedstaaten.
Jetzt reißt euch mal zusammen!
Im Rahmen des
informellen Gipfels wurde ausgelotet, wie der Europäischen Union und ihren
Bürgerinnen und Bürgern auch künftig Wohlstand auf der Grundlage einer
funktionierenden und international wettbewerbsfähigen Wirtschaft gesichert
werden kann. Angesichts geopolitischer Kräfteverschiebungen und Unsicherheiten ging
es dabei auch darum, Gräben zwischen den Ländern zu überbrücken und die Union
als starken Wirtschaftsraum zu festigen.
Buy European?
Ein solcher Graben
tut sich zum Beispiel bei der Frage auf, inwieweit die Bevorzugung der
Produktion in Europa das geeignete Rezept für mehr Wettbewerbsfähigkeit sein
kann. Im Vorfeld des Gipfels hatten sechs Mitgliedstaaten (Schweden, Finnland,
die baltischen Staaten und die Niederlande) in einem Non-Paper genau davor gewarnt. Europäische Präferenzkriterien würden eher die
Bürokratielasten erhöhen, den Handel mit anderen Märkten erschweren und
Investitionen aus der EU vertreiben. Bekanntlich steht für diesen Kurs Binnenmarktkommissar
Stéphane Séjourné. Rückendeckung erhält er von der Kommissionspräsidentin, die
ihren Standpunkt im Vorfeld des Wirtschaftsgipfels in Form eines Briefes an den Europäischen Rat ebenfalls zirkulieren ließ. Auffällig: Das deutsche
Non-Paper sagt zu „Made in Europe“ nichts.
Vereinfachung ja – aber mit Augenmaß
Einig ist man sich
aber darin: Das Herzstück der EU, der Binnenmarkt ist zu stärken und bestehende
Hindernisse sind aus dem Weg zu räumen - unter anderem durch eine Vertiefung
der Spar- und Investitionsunion, die darauf abzielt, die Fragmentierung und
Finanzmärkte der EU abzubauen, damit Kapital fließen und Investitionen gefördert
werden. Für die Bundesregierung stehen dabei im Weiteren die Modernisierung des
Wettbewerbsrechts, die leichtere Anerkennung von Berufsqualifikationen zur
Steigerung der Mobilität von Fachkräften, die Vereinfachung des Warenhandels
oder auch vereinfachte Regelungen für grenzüberschreitende Dienstleistungen
oben auf der Agenda.
Das klingt alles
gut. Allerdings müssen die Vorschläge einem Realitäts-Check standhalten. Zum
Beispiel tritt die Bundesregierung in einem Non-Paper mit dem Titel „Aktionsplan für den Binnenmarkt“ dafür ein, die geplante eDeclaration – ein
gemeinsames, standardisiertes und digitales Verfahren zur Meldung der Entsendung
von Arbeitskräften ins EU-Ausland – breitestmöglich zu nutzen. Wenn sie aber
perspektivisch fordert, dass über das Portal parallel sowohl eine Entsendung gemeldet
als auch die Sozialversicherungsbescheinigung A1 beantragt werden kann, dann
verkennt sie Unterschiedlichkeit von Adressatenkreisen und entwertet die
Investitionen in die digitalen Meldestrukturen, die in den vergangenen Jahren
aufgebaut worden sind. Bei Kranken- und Rentenversicherungsträgern sorgt das für
Stirnrunzeln.