Jacob LundGender Equality
EU-Gleichstellungsstrategie 2026–2030: Politische Implikationen für Sozialschutz und Arbeitsmarkt.
JN – 03/2026
Die Europäische Kommission hat am 5. März ihre Gender Equality Strategy 2026–2030 vorgestellt. Die Strategie knüpft an die
Gleichstellungsstrategie 2020–2025 sowie den 2025 verabschiedeten Fahrplan für die Rechte der Frauen an und konkretisiert die europäischen
Ziele zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern in den kommenden
fünf Jahren. Trotz wichtiger Fortschritte sieht die Kommission weiterhin
erheblichen Handlungsbedarf und betont die wirtschaftliche Bedeutung einer
stärkeren Erwerbsbeteiligung von Frauen.
Neue Schwerpunkte der Strategie
Schätzungen zufolge würde es bei dem derzeitigen Tempo der Entwicklungen noch
rund 50 Jahre dauern, bis vollständige Geschlechtergleichstellung in der
Europäischen Union erreicht ist. In diesem Zusammenhang betont die Kommission,
dass weitere Fortschritte nicht nur gesellschaftlich, sondern auch
wirtschaftlich von großer Bedeutung sind: Eine stärkere Erwerbsbeteiligung von
Frauen und bessere Arbeitsbedingungen könnten Wachstum, Fachkräftesicherung und
Wettbewerbsfähigkeit in Europa stärken.
Die Strategie
sieht daher Maßnahmen in mehreren zentralen Politikfeldern vor:
- die Bekämpfung
geschlechtsspezifischer Gewalt, einschließlich digitaler Gewalt und
missbräuchlicher Nutzung von KI, etwa durch Deepfake-Pornografie,
- die Verbesserung der
Gesundheitsversorgung von Frauen, etwa durch stärkere Berücksichtigung
geschlechtsspezifischer Unterschiede in medizinischer Forschung und
Versorgung,
- die Förderung wirtschaftlicher
Gleichstellung, unter anderem durch Maßnahmen zur Umsetzung der
EU-Lohntransparenzrichtlinie sowie zur Förderung von Frauen in Forschung,
Innovation und Unternehmertum,
- Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit
von Beruf und Familie und zur Verringerung des geschlechtsspezifischen
Lohn- und Rentengefälles,
- sowie Initiativen zur Stärkung der
politischen Teilhabe von Frauen.
Relevanz für die Krankenversicherung
Ein neuer Schwerpunkt liegt auf der Frauengesundheit, die erstmals als
eigenständiger Politikbereich in der Gleichstellungsstrategie verankert wird.
Geplant sind unter anderem eine Initiative mit der Weltgesundheitsorganisation
zur Verbesserung der Qualität und Zugänglichkeit der Gesundheitsversorgung
sowie Maßnahmen zur stärkeren Berücksichtigung von Geschlechterunterschieden in
medizinischer Forschung, Diagnostik und Behandlung.
Diese Initiativen betreffen unmittelbar die Gesundheitsversorgung und
Prävention. Eine stärkere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede
in Forschung und medizinischer Versorgung könnte langfristig Auswirkungen auf
Versorgungsstrukturen, Präventionsstrategien und die Gesundheitsforschung
haben. Für die gesetzliche Krankenversicherung ist insbesondere die Diskussion
um geschlechtersensible Prävention, Diagnostik und Therapie von Bedeutung.
Unfallversicherung und Arbeitsschutz
Auch im Bereich Arbeitsschutz und Arbeitsbedingungen enthält die Strategie
relevante Ansätze. Dazu zählen Maßnahmen zur Bekämpfung von sexueller
Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz sowie eine stärkere Berücksichtigung
geschlechtsspezifischer Risiken bei der Gestaltung von Arbeitsbedingungen.
Diese Themen stehen in engem Zusammenhang mit der europäischen
Arbeitsschutzpolitik und könnten künftig auch in Initiativen zum Arbeits- und
Gesundheitsschutz auf EU-Ebene aufgegriffen werden. Für die gesetzliche Unfallversicherung
sind insbesondere Prävention, psychosoziale Risiken und sichere
Arbeitsbedingungen zentrale Anknüpfungspunkte.
Rentenversicherung
Die Strategie greift zudem das weiterhin bestehende Thema
der geschlechterspezifischen Lohn- und Rentenlücke auf. Frauen erhalten in der EU im
Durchschnitt rund 25 Prozent niedrigere Alterseinkommen als Männer. Ursachen
sind unter anderem geringere Erwerbsbeteiligung, häufigere
Teilzeitbeschäftigung sowie Erwerbsunterbrechungen aufgrund von Care-Arbeit.
Die Kommission plant deshalb, die Ursachen des Rentengefälles stärker zu
analysieren, den Austausch von Best Practices zwischen den Mitgliedstaaten zu
fördern und die Entwicklung im Rahmen europäischer sozialpolitischer
Berichterstattung stärker zu beobachten.
Ausblick
Mit der neuen Strategie unterstreicht die Europäische Kommission ihren
Anspruch, Gleichstellung als Querschnittsthema der europäischen Politik weiter
zu stärken und Fortschritte auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten
Gesellschaft zu beschleunigen.