
Langzeitpflege im Wandel
Neue Studie zeigt Trend zu personenzentrierter und technologiegestützter Versorgung.
VS – 03/2026
Am
17. März hat die Europäische Kommission eine vergleichende
Studie des Europäischen Netzwerks für Sozialpolitikanalyse (ESPAN) zu
Langzeitpflegeeinrichtungen für ältere Menschen veröffentlicht. Auf Grundlage
der von den ESPAN-Länderteams erstellten nationalen
Berichte liefert die Studie einen Überblick über die Pflegesituation in den
Mitgliedstaaten, den neun (potenziellen) Kandidatenländern sowie Island und
Norwegen. Zudem identifiziert sie bestehende Versorgungslücken und zeigt
Reformansätze auf.
Pflege am Limit
Angesichts
der demografischen Alterung der Gesellschaft wird der Bedarf an Langzeitpflege
deutlich steigen. Bereits heute ist die Pflegesituation vielerorts durch
Personalmangel und hohe Kosten gekennzeichnet. Vor diesem Hintergrund betonen
die Autorinnen und Autoren der Studie, dass traditionelle Pflegemodelle langfristig
nicht ausreichen, um den vielfältigen Bedarf zu decken. Daher entwickeln die
Mitgliedstaaten zunehmend alternative und innovative Pflegekonzepte, die
flexiblere, personenzentrierte und nachhaltigere Lösungen bieten. Diese verbinden
häufig stationäre, häusliche und gemeindenahe Pflegeformen und legen einen
besonderen Schwerpunkt auf die Förderung von Autonomie, sozialer Teilhabe und
Versorgungskontinuität. Zudem beziehen viele Ansätze digitale Technologien ein
und unterstützen informelle Pflegepersonen.
Pflegesituation heute
Den
Ergebnissen zufolge bieten alle europäischen Länder stationäre, häusliche sowie
gemeindenahe Pflegeleistungen an. Gleichzeitig bestehen jedoch erhebliche
Unterschiede beim Zugang und Umfang formaler Pflegeangebote. Eine zentrale
Herausforderung ist die Zersplitterung der Zuständigkeiten zwischen den
verschiedenen Regierungsebenen sowie zwischen dem Gesundheits- und dem
Sozialsektor. Dies kann Versorgungsabläufe beeinträchtigen, geografische
Ungleichheiten verstärken und die Kosten stärker auf die Nutzerinnen und Nutzer
sowie die Pflegepersonen verlagern, wodurch die Abhängigkeit von informeller
Pflege oder nicht gemeldeter Pflegearbeit zunimmt.
Deutliche Unterschiede bei den öffentlichen Pflegeausgaben
Im
Jahr 2022 beliefen sich die öffentlichen Ausgaben für formelle Langzeitpflege
in der EU im Durchschnitt auf 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP),
wobei zwischen den Mitgliedstaaten deutliche Unterschiede bestanden. Während
Dänemark, die Niederlande und Schweden drei Prozent oder mehr aufwendeten, langen
die Ausgaben in 14 Ländern bei höchstens einem Prozent des BIP oder weniger. Deutschland
entsprach mit 1,7 Prozent dem EU-Durchschnitt. Setzt man die Ausgaben für
Langzeitpflege in Relation mit den altersbedingten Gesamtkosten – einschließlich
Renten, Gesundheitsversorgung und Bildung – ergibt sich ebenfalls ein
differenziertes Bild. So war der Anteil in den Niederlanden mit 18,2 Prozent am
höchsten, während der EU-Durchschnitt 7,1 Prozent und in Deutschland 7,6
Prozent betrug.
Innovative Ansätze
Die
Mitgliedstaaten reagieren auf diese Herausforderungen mit unterschiedlichen
Maßnahmen. Gemeinsam ist diesen Ansätzen die zunehmende Verlagerung von
institutionellen Lösungen hin zu personenzentrierten, oft gemeindenahen
Versorgungsmodellen. So bieten alternative Modelle der stationären Pflege
kleinere, in die Gemeinschaft integrierte oder flexible Wohnformen an. Weiterentwickelte
Modelle der häuslichen Pflege unterstützen die Pflege durch Familienangehörige
oder Vertrauenspersonen. In der Regel umfassen diese Arbeitsverträge,
Schulungen, einen Versicherungsschutz sowie eine fachliche Aufsicht. Damit soll
die informelle Pflege anerkannt und gefördert werden, bei gleichzeitiger
Gewährleistung der Qualität. Bei gemeindenahen Versorgungsmodellen werden
häufig Gesundheits-, Sozial- und Präventionsdienste miteinander verbunden.
Dadurch sollen der Zugang verbessert, die Zahl der Krankenhausaufenthalte
verringert und eine koordinierte, personenzentrierte Versorgung gewährleistet
werden. Bei technologiegestützten Pflegemodellen werden digitale Tools und
Systeme der Informations- und Kommunikationstechnologie in die Langzeitpflege
integriert. Sie sollen die Pflegekräfte ergänzen und insbesondere im häuslichen
Umfeld die Sicherheit, Selbstbestimmung und Kommunikation verbessern.
Arbeitsgruppe zu angemessenem Sozialschutz im Alter
Die
Ergebnisse der Studie werden in die Arbeiten der Arbeitsgruppe zu angemessenem
Sozialschutz im Alter (WG ADAGE) des Ausschusses für Sozialschutz der EU
einfließen. Ein entsprechender Bericht ist für Mitte 2027 vorgesehen.