
Niederlande plant beschleunigte Erhöhung der Regelaltersgrenze
Neue Regierung rückt vom Rentenkompromiss von 2019 ab.
VS – 03/2026
Im Koalitionsvertrag der neuen niederländischen Minderheitsregierung unter Premierminister Rob
Jetten haben die linksliberale D66, die konservativ-liberale VVD und die
Christdemokraten (CDA) vereinbart, die Regelaltersgrenze in der staatlichen Altersvorsorge
(AOW) ab 2033 wieder im gleichen Maße wie die Lebenserwartung zu anzuheben und
damit schneller ansteigen zu lassen als bisher vorgesehen. Damit weicht die
neue Regierungskoalition von zentralen Elementen des im Jahr 2019 im Konsens
mit den Sozialpartnern vereinbarten Rentenabkommens ab. Darüber hinaus plant
die Regierung deutliche Kürzungen bei Leistungen für Arbeitslose und Erwerbsunfähige.
Rückblick in die 2010er Jahre
Vor
dem Hintergrund der demografischen Alterung und aus fiskalischen Gründen erhöhte
die niederländische Regierung in der ersten Hälfte der 2010er Jahre die
Regelaltersgrenze der ersten Säule in zwei Schritten. Zunächst wurde 2013 eine
schrittweise Anhebung von 65 auf 67 Jahre bis zum Jahr 2025 beschlossen. 2015 folgte
die Einführung einer automatischen Kopplung an die Lebenserwartung im
Verhältnis eins zu eins. Dadurch entwickelte sich die Altersgrenze dynamischer
als ursprünglich geplant: Das Ziel von 67 Jahren wäre infolge der steigenden Lebenserwartung
bereits deutlich früher erreicht worden als im ursprünglichen Zeitplan
vorgesehen und in der Folge über 67 Jahre hinaus angestiegen.
Rentenabkommen von 2019
Die
im Jahr 2015 beschlossene Erhöhung der Regelaltersgrenze wurde von Versicherten
und Gewerkschaften sowie vonseiten der Wissenschaft stark kritisiert. Nach
langen Verhandlungen unter Einbeziehung der Sozialpartner und nach der Beratung
des Sozioökonomischen Rates (Sociaal-Economische Raad, kurz SER) wurde der
niederländische Pensionakkoord
von 2019 im Konsens vereinbart. Die beiden großen Gewerkschaftsverbände
Federatie Nederlandse Vakbeweging (FNV) und Christelijk Nationaal Vakverbond
(CNV) holten dazu die Zustimmung ihrer Mitglieder ein. Diese stimmten mit
großer Mehrheit für den Kompromiss (etwa 76 Prozent Zustimmung bei FNV und 79
Prozent bei CNV).
Zentrale
Bestandteile des Rentenabkommens waren, dass das Rentenalter bis einschließlich
2021 auf 66 Jahre und 4 Monate festgeschrieben wurde. Zudem wurde die Kopplung
an die Lebenserwartung abgeschwächt: Anstelle einer eins-zu-eins-Anpassung
steigt das Rentenalter seit 2022 nun um acht Monate pro zusätzlichem Jahr
Lebenserwartung (also eine Zwei-Drittel-Kopplung) an.
Rolle des Sozioökonomischer Rates
Wichtige
Grundlage für den Pensionakkoord von 2019 war die Einbeziehung der Expertise
des Sozioökonomischen Rates (SER). Dieser berät die niederländische Regierung
und das Parlament in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Seine Mitglieder
werden paritätisch von Arbeitgebern, Gewerkschaften und der Regierung berufen.
Im Fokus des SER-Gutachtens standen sowohl die finanzielle Stabilität des Rentensystems als auch die
sozialpolitischen Folgen der Erhöhung der Regelaltersgrenze.
Rentenpolitik erfordert Stabilität
Kim
Putters, Vorsitzender des SER, hat den Plan der Regierung im Ausschuss für
Soziales und Beschäftigung kritisiert. Er warf den Regierungsparteien vor, eine
wichtige Vereinbarung aus dem Rentenabkommen von 2019 plötzlich brechen zu
wollen. Dieses Abkommen sei nach jahrelangen Verhandlungen abschließend im
Konsens mit den Sozialpartnern vereinbart worden. Putters betonte zudem, dass
die 2/3-Kopplung insbesondere für Menschen mit schlechterer Gesundheit oder
einem körperlich schweren Beruf vereinbart wurde. Darüber hinaus wies er darauf
hin, dass die Rentenpolitik Stabilität erfordert. Nach Vorstellung der Pläne
sucht die Minderheitsregierung Jette nun die Gespräche mit Oppositionsparteien und
Sozialpartnern.