Fotolia/photolensEuropäische Säule sozialer Rechte
Kommission zieht Bilanz zur Umsetzung sozialer Rechte in der EU.
AS – 07/2026
Am 22. Juli hat
die Europäische Kommission eine Mitteilung zum Stand der Umsetzung der Ziele der
Europäischen Säule Sozialer Rechte (ESSR) veröffentlicht. Angesichts gestiegener Lebenshaltungskosten, den Auswirkungen Künstlicher
Intelligenz auf die Arbeitswelt sowie der Bekämpfung wachsender Ungleichheiten
sieht die Kommission hier neuen Handlungsbedarf in der europäischen
Sozialpolitik.
Seit ihrer Proklamation im Jahr 2017 bildet die Europäische Säule sozialer Rechte den politischen Rahmen für soziale Standards in der Europäischen Union (EU). Sie umfasst Grundsätze für faire Arbeits- und Lebensbedingungen sowie für soziale Teilhabe. Standen in der Vergangenheit vor allem die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Verbesserung von Qualifikationen sowie die Verringerung von Armut im Mittelpunkt, setzt die Kommission heute zusätzliche sozialpolitische Prioritäten.
Fortschritte mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten
Die Kommission
zieht Bilanz über die Entwicklung seit dem Aktionsplan zur ESSR von 2021, in dem sozialpolitische Ziele
bis zum Jahr 2030 festgelegt wurden. Positiv bewertet sie insbesondere den Anstieg der
Beschäftigungsquote in der EU, der sich mit 76,1 Prozent im Jahr 2025 dem Ziel
nähert, bis 2030 eine Beschäftigungsquote von mindestens 78 Prozent zu
erreichen. Deutlich schwieriger gestaltet sich dagegen die Umsetzung der beiden
weiteren Kernziele. So nahmen 2022 lediglich 39,5 Prozent der Erwachsenen an
Weiterbildungsmaßnahmen teil – angestrebt werden 60 Prozent bis 2030. Noch
deutlicher zeigt sich die Lücke bei der Armutsbekämpfung. Seit 2019 konnte die
Zahl der armutsgefährdeten Menschen lediglich um rund 3,5 Millionen gesenkt
werden. Das Ziel, bis 2030 insgesamt 15 Millionen Menschen aus der Armut zu
führen, erscheint damit nur schwer erreichbar.
Bezahlbares Wohnen und Qualität der Arbeit im Fokus der Sozialpolitik
Die steigenden
Lebenshaltungskosten, insbesondere für Wohnen, Energie, Lebensmittel und
Mobilität, werden als drängendstes soziales Problem bezeichnet. Die Kommission
will noch in diesem Jahr den Affordable Housing Act vorlegen. Das Gesetzespaket
soll Maßnahmen bündeln, um den Mangel bezahlbaren Wohnraum zu bekämpfen. Um den
Belastungen durch steigende Lebenshaltungskosten entgegenzuwirken, verweist sie
auf bereits bestehende Gesetzesvorhaben wie die EU-Mindestlohnrichtlinie, die
angemessene Mindestlöhne in den Mitgliedstaaten fördern soll oder die neuen
Regeln für Plattformbeschäftigte, die unter anderem Menschen schützen sollen,
die über digitale Plattformen wie Liefer- oder Fahrdienste arbeiten.
Künftig soll
die Qualität der Arbeitsplätze wieder stärker im Mittelpunkt stehen. Faire
Löhne, soziale Absicherung, Gesundheitsschutz und gleiche Chancen seien
entscheidend für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Wettbewerbsfähigkeit. Ende
2026 will sie dazu ihren Quality Jobs Act vorlegen, der Maßnahmen zur
Verbesserung der Arbeitsqualität bündeln soll.
Parallel dazu
hat die Kommission eine Konsultation der europäischen Sozialpartner veröffentlicht,
mit der sie die Hindernisse beim Zugang zum Arbeitsmarkt identifizieren möchte.
Das angekündigte Fair Labour Mobility Package soll darüber hinaus die Situation
von mobilen Beschäftigten und Grenzgängern verbessern.
Darüber hinaus
soll die Pflege künftig ein größeres politisches Gewicht erhalten. So kündigte
Sozialkommissarin Roxana Mînzatu an, im nächsten Jahr mit einem European Care
Deal auf die Europäische Pflegestrategie
aufzubauen und unter anderem den Fachkräftemangel im Pflegesektor zu bekämpfen.
Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt
Die Kommission
widmet der Künstlichen Intelligenz (KI) und ihren Auswirkungen auf die
Sozialpolitik erstmals ein eigenes Kapitel. Nach Einschätzung der Kommission
wird KI die Qualifikationsanforderungen und die Arbeitsorganisation grundlegend
verändern. Viele Beschäftigte werden daher neue Kompetenzen erwerben oder
bestehende Fähigkeiten weiterentwickeln müssen. Um die Auswirkungen von KI auf
den Arbeitsmarkt besser bewerten und den Wandel vorbereiten zu können, kündigte
die Kommission die Einrichtung einer hochrangigen Expertengruppe an.
Einschätzung der Deutschen Sozialversicherung
Mit ihrer
Mitteilung zur ESSR bekräftigt die Kommission ihr Ziel, die ESSR als
Richtschnur der europäischen Sozialpolitik weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt
steht dabei eine konsequente Umsetzung der bereits bestehenden sozialen Rechte.
Die Deutsche Sozialversicherung begrüßt das Ziel der Kommission,
Wettbewerbsfähigkeit und soziale Rechte zu verbinden. Investitionen in Bildung,
Qualifizierung, Gesundheit und soziale Sicherheit sind nicht nur Ausdruck des
europäischen Sozialmodells, sondern auch gleichzeitig Voraussetzung für
Produktivität, Innovation und wirtschaftliche Resilienz.