Adobe Stock/katarzynaRede zur Lage der Union
Von der Leyen fordert stärkeres und unabhängigeres Europa.
AS – 09/2026
Kommissionspräsidentin Ursula
von der Leyen hat am 16. September vor dem Europäischen Parlament in Straßburg
ihre zweite Rede
zur Lage der Union in dieser Legislaturperiode gehalten. Angesichts
geopolitischer Spannungen, technologischen Wandels und eines verschärften
globalen Wettbewerbs warb sie für ein handlungsfähigeres, widerstandsfähigeres
und strategisch unabhängigeres Europa.
Von der Leyen sprach unter
anderem über die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, die Energieversorgung,
Künstliche Intelligenz (KI), Sicherheit und Verteidigung, Migration, den Schutz
der Demokratie, die Unterstützung der Ukraine sowie die EU-Erweiterung. Auch
sozial- und gesundheitspolitische Themen spielten eine Rolle.
Mit dem kanadischen
Premierminister Mark Carney als Ehrengast setzte von der Leyen zudem ein
außenpolitisches Signal. Kanada soll als erstes Land einen neuen Status als assoziiertes
Mitglied der EU erhalten. Vorgesehen ist eine engere Zusammenarbeit unter
anderem bei wirtschaftlicher Sicherheit, Technologie und Verteidigung.
Sozialpolitik als Teil der großen Transformationsprozesse
Sozial- und Gesundheitspolitik
stand nicht im Mittelpunkt der Rede. Sie spielten aber bei mehreren großen
Zukunftsthemen eine Rolle. Dazu gehören der Einsatz von KI, die Folgen des Klimawandels
für Gesundheit und Arbeit sowie die Auswirkungen des demografischen Wandels auf
Pflege und Betreuung.
KI soll Ärztinnen und Ärzte unterstützen – nicht ersetzen
Von der Leyen sieht
insbesondere im Gesundheitswesen großes Potenzial für den Einsatz von KI, beispielsweise
bei Diagnosen und bei der Nutzung von Daten. Dabei betonte sie, dass ärztliche
Entscheidungen und der menschliche Kontakt nicht durch KI ersetzt werden dürfen.
Im November will die
Kommission neue Initiativen für fünf Bereiche vorstellen, in denen sie
besonders großes Potenzial für den Einsatz von KI sieht. Neben Gesundheit gehören
dazu auch Verkehr, Agrar- und Ernährungswirtschaft, industrielle Fertigung
sowie Verteidigung und Raumfahrt.
Auch die Auswirkungen von
KI für die Arbeitswelt griff die Kommissionspräsidentin auf. Beschäftigte und
Regionen profitieren nach Einschätzung der Kommissionspräsidentin
unterschiedlich von der neuen Technologie. Bildung und Beschäftigung müssten
daher mit der technologischen Entwicklung Schritt halten. Der für Ende des
Jahres angekündigte Quality Jobs Act soll unter anderem die Entwicklung von Kompetenzen und die Qualität von
Arbeitsplätzen adressieren.
EU plant besseren Schutz vor extremer Hitze
Nach den schweren Hitzewellen
des vergangenen Sommers kündigte von der Leyen einen Europäischen
Hitzewellenplan an. Nach Angaben der Kommissionspräsidentin gab es in diesem
Zeitraum mehr als 35.000 zusätzliche Todesfälle in der EU; auch
Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser waren von gefährlich hohen Temperaturen
betroffen.
Der geplante Hitzewellenplan
soll deshalb Frühwarnsysteme und die gesundheitliche Vorsorge verbessern,
Städte auf hohe und tiefe Temperaturen vorbereiten und besonders gefährdete
Menschen schützen. Auch mögliche Maßnahmen zum Schutz von Beschäftigten vor
extremer Hitze werden geprüft und sollen gegebenenfalls im Quality Jobs Act aufgegriffen werden.
European Care Deal für Pflege und Betreuung angekündigt.
Mit Blick auf den zehnten
Jahrestag der Europäischen
Säule sozialer Rechte im Jahr 2027 kündigte von der Leyen
weitere sozialpolitische Initiativen an. Dazu gehört ein für nächstes Jahr
geplanter European Care Deal, der sich mit den Herausforderungen des
demografischen Wandels für Pflege und Betreuung befassen soll.
Außerdem kündigte von der
Leyen an, dass sie gemeinsam mit Ratspräsident António Costa einen Gipfel zur
Europäischen Säule sozialer Rechte ausrichten will.
EU Kids Act soll Minderjährige im Netz stärker schützen
Einen weiteren Schwerpunkt
setzte von der Leyen beim Schutz von Kindern und Jugendlichen in sozialen
Medien. Einen Tag nach ihrer Rede wurde am 17. September der EU Kids Act der Kommission veröffentlicht.
Der Vorschlag sieht
unterschiedliche Regeln je nach Alter vor: Unter 13-Jährige sollen soziale
Medien nicht nutzen dürfen. Für 13- bis 15-Jährige sind nur von den Eltern
eingerichtete und kontrollierte „Mini-Accounts“ mit eingeschränkten Funktionen
vorgesehen. Für 15- bis 18-Jährige sollen Plattformen zu einem sicheren Design
verpflichtet werden.
Ergänzend plant die Kommission
einen Digital
Fairness Act, der den Schutz von Verbraucherinnen und
Verbrauchern im digitalen Umfeld stärken soll.
Weniger zusätzliche nationale Vorgaben bei EU-Recht
Auch der Bürokratieabbau
bleibt eine Priorität. Von der Leyen kündigte einen Pakt gegen „Gold-Plating“
an. Damit soll verhindert werden, dass die Mitgliedstaaten bei der Umsetzung von EU-Recht zusätzliche nationale Anforderungen schaffen, die über die europäischen Vorgaben hinausgehen. Dies soll künftig stärker begrenzt werden.