Getty Images - marchmeena29KI im Gesundheitswesen
Neue Studie zeigt Chancen, Risiken und politischen Handlungsbedarf beim Einsatz von KI.
EG – 10/2026
Am 15. Oktober wurde im Ausschuss
für öffentliche Gesundheit (SANT) des Europäischen Parlaments die Studie
„The Use of Data in Public Health“ vorgestellt und diskutiert. Die im
Auftrag des Ausschusses erstellte Studie befasst sich mit den Einsatzmöglichkeiten
künstlicher Intelligenz (KI) im Gesundheitswesen, den damit verbundenen Chancen
und Risiken sowie der Bedeutung von Gesundheitsdaten. Damit wurde die Nutzung
von KI erstmals explizit im Gesundheitsausschuss beraten.
Chancen für die Gesundheitsversorgung
Die Studie zeigt, dass KI das
Potenzial hat, die Gesundheitsversorgung zu verbessern und medizinisches
Personal zu entlasten. Einsatzmöglichkeiten bestehen insbesondere in der
Diagnostik, der Früherkennung von Erkrankungen und der bedarfsgerechten Behandlung
von Patientinnen und Patienten.
So kann KI beispielsweise medizinische
Bildaufnahmen auswerten, Veränderungen frühzeitig erkennen und dabei helfen, das
Risiko für Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen
vorherzusagen. Darüber hinaus können KI-Anwendungen administrative Aufgaben wie
die medizinische Dokumentation oder Terminplanung vereinfachen. Durch die
Auswertung von Gesundheitsdaten lassen sich zudem mögliche Versorgungsbedarfe
frühzeitig erkennen. Dies könnte helfen, medizinisches Personal und andere
Ressourcen gezielter einzusetzen. Auch im Bereich der öffentlichen Gesundheit
bietet KI Potenzial, etwa bei der Erkennung von Krankheitsausbrüchen oder der
Analyse von Zusammenhängen zwischen Umweltfaktoren und Gesundheit.
Risiken und Herausforderungen beim Einsatz von KI
Trotz dieser Potenziale bestehen
weiterhin Herausforderungen. Die tatsächliche Verbreitung von KI im
europäischen Gesundheitswesen lässt sich aufgrund fehlender Daten nur schwer
einschätzen. Zudem erschweren technische Probleme, beispielsweise die mangelnde
Interoperabilität verschiedener IT-Systeme, und Zweifel an der Zuverlässigkeit
der Anwendungen einen breiteren Einsatz.
Ein weiteres Risiko liegt in der
Qualität der verwendeten Gesundheitsdaten. Werden bestimmte Bevölkerungsgruppen
bei der Entwicklung von KI-Systemen unzureichend berücksichtigt, können
fehlerhafte Ergebnisse entstehen und bestehende Ungleichheiten in der
Gesundheitsversorgung verstärkt werden. Zudem können KI-Systeme falsche oder
frei erfundene Ergebnisse liefern, die zunächst glaubwürdig erscheinen. Die
Überprüfung durch medizinisches Fachpersonal bleibt daher entscheidend.
Auch die Frage der Verantwortung
bei möglichen Behandlungsfehlern ist bislang nicht abschließend geklärt.
Medizinisches Personal kann beim Einsatz unzuverlässiger KI-Systeme
zusätzlichen Haftungsrisiken ausgesetzt sein. Die Studie weist außerdem darauf
hin, dass eine zu starke Abhängigkeit von KI langfristig medizinische
Kompetenzen beeinträchtigen könnte.
Gesundheitsdaten als Grundlage für KI
Eine wichtige Voraussetzung für
die Entwicklung zuverlässiger KI-Systeme ist der Zugang zu hochwertigen und
repräsentativen Gesundheitsdaten. Der Europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS)
soll die Weiterverwendung dieser Daten für Forschung, Innovation und
gesundheitspolitische Entscheidungen erleichtern. Für diese sogenannte
Sekundärnutzung sollen Gesundheitsdaten grundsätzlich anonymisiert
bereitgestellt werden. Unter bestimmten Voraussetzungen können auch
pseudonymisierte Daten in sicheren Verarbeitungsumgebungen genutzt werden.
Allerdings weist die Studie auf rechtliche
Unsicherheiten beim Zusammenspiel der EHDS-Verordnung mit der
Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), dem Data Governance Act und dem AI Act hin.
So ist nicht immer eindeutig, unter welchen Voraussetzungen Gesundheitsdaten
für wissenschaftliche Forschung genutzt werden dürfen, insbesondere wenn auch
wirtschaftliche Interessen bestehen. Unterschiedliche nationale Auslegungen
könnten zudem den grenzüberschreitenden Datenaustausch erschweren.
Empfehlungen der Studie
Um das Potenzial von KI im
Gesundheitswesen besser auszuschöpfen, empfiehlt die Autorin klarere und
EU-weit einheitlichere Regeln für die Nutzung von Gesundheitsdaten. Rechtliche
Unsicherheiten und bürokratische Hürden sollen abgebaut werden, um den Datenaustausch
und die freiwillige Bereitstellung von Daten für Forschungszwecke zu
erleichtern.
Gleichzeitig betont die Studie die
Bedeutung des Schutzes sensibler Patientendaten. Diese sollen vertraulich
bleiben und vor unangemessener kommerzieller Verwertung geschützt werden.
Patientinnen und Patienten sollen zudem über wichtige gesundheitliche
Erkenntnisse aus der Auswertung ihrer Daten informiert werden können.
Für einen sicheren KI-Einsatz
empfiehlt die Autorin gezielte Schulungen des medizinischen Personals sowie ein
zentrales europäisches Verzeichnis geprüfter KI-Anwendungen. Dies soll dazu
beitragen, KI-Ergebnisse besser zu überprüfen und zuverlässige Systeme leichter
zu erkennen. Insgesamt soll sich der Einsatz von KI am tatsächlichen Nutzen für
Patientinnen und Patienten, medizinisches Personal und die Gesellschaft
orientieren.
Ausblick
In der anschließenden Aussprache
äußerten mehrere Abgeordnete des SANT-Ausschusses vor allem Bedenken
hinsichtlich der Zuverlässigkeit von KI-Ergebnissen, der Qualität von
Gesundheitsdaten sowie möglicher Datenschutz- und Haftungsrisiken. Sie warnten
insbesondere vor fehlerhaften Diagnosen und einem möglichen Verlust
medizinischer Kompetenzen und betonten die Notwendigkeit menschlicher
Kontrolle.
Mit der Vorstellung der Studie
dürfte sich der Gesundheitsausschuss nicht zum letzten Mal mit dem Thema KI
befasst haben. Denn die Studie verdeutlicht, wie komplex das Zusammenspiel der
verschiedenen europäischen Rechtsvorschriften ist und welche regulatorischen
Herausforderungen der Einsatz von KI im Gesundheitswesen mit sich bringt.