iStockphoto/Gil-DesignMehrjähriger Finanzrahmen 2028–2034
EU-Gipfel endet ohne Einigung: Mitgliedstaaten streiten weiter über Höhe und Verteilung der Mittel.
VS – 10/2026
Der
Europäische Rat hat beim Gipfel am 15. und 16. Oktober in Brüssel keine Einigung über den Mehrjährigen
Finanzrahmen (MFR) 2028–2034 erzielt. Auch ein neuer Kompromissvorschlag der
irischen Ratspräsidentschaft konnte die unterschiedlichen Positionen der
Mitgliedstaaten nicht zusammenführen. Uneinigkeit besteht insbesondere über die
Höhe und Verteilung der EU-Mittel.
Streit um die Prioritäten im EU-Haushalt
Im
bisherigen Verhandlungsprozess haben sich unter den Mitgliedstaaten zwei
Gruppen herauskristallisiert: die sechs „Sparsamen“, zu denen auch Deutschland
gehört, und die 17 „Freunde der Kohäsion“, darunter Italien und Spanien.
Letztere setzen sich für umfangreiche europäische Investitionen ein, lehnen
aber erhebliche Kürzungen bei den Mitteln für Kohäsion und Landwirtschaft ab.
Mit der Kohäsionspolitik fördert die EU vor allem wirtschaftlich schwächere
Regionen. Die „Sparsamen“ befürworten ebenfalls europäische Investitionen, wollen
den EU-Haushalt jedoch stärker auf neue Prioritäten wie Wettbewerbsfähigkeit
und Sicherheit ausrichten und fordern ein deutlich geringeres Gesamtvolumen als
von der Kommission vorgeschlagen.
Irland skizziert den Weg zu einem Kompromiss
Um
die unterschiedlichen Positionen der Mitgliedstaaten einander anzunähern, legte
die irische Ratspräsidentschaft im Vorfeld des Gipfels einen überarbeiteten
Verhandlungsrahmen vor.
Demnach
soll das Gesamtvolumen des MFR in Preisen von 2025 auf rund 1,62 Billionen Euro
sinken. Das entspricht einer Kürzung um 141 Milliarden Euro beziehungsweise
rund acht Prozent gegenüber dem ursprünglichen Kommissionsvorschlag.
Die
Einschnitte fallen je nach Ausgabenbereich unterschiedlich aus. Für Kohäsion
und Landwirtschaft sind Kürzungen von rund drei Prozent vorgesehen. Damit
würden auch sozialpolitisch relevante Ausgaben innerhalb der Nationalen und
Regionalen Partnerschaftspläne (NRPP), über die künftig ein großer Teil der
EU-Fördermittel vergeben werden soll, vergleichsweise geschont. Der vorgesehene
Mindestanteil von 14 Prozent für soziale Ziele soll bestehen bleiben. Deutlich
stärker sollen dagegen die Mittel für Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit
(knapp 13 Prozent), das auswärtige Handeln der EU (gut 17 Prozent) und die
Verwaltung (knapp neun Prozent) gekürzt werden.
Der
irische Vorschlag kommt den beiden Verhandlungsgruppen damit in Teilen entgegen.
Gleichzeitig würden die Kürzungen den finanziellen Spielraum für europäische
Investitionen einschränken, obwohl der Draghi-Bericht
zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit einen erheblichen zusätzlichen
Investitionsbedarf aufgezeigt hatte.
Um
zusätzliche Einnahmen für den EU-Haushalt zu erschließen, setzt die irische
Ratspräsidentschaft weiterhin auf neue Eigenmittel. Eine Finanzierung über neue
gemeinsame Schulden lehnen
die sechs „Sparsamen“ dagegen ausdrücklich ab. Die Ratspräsidentschaft hat
Vorschläge der EU-Kommission aufgegriffen, mit denen künftig rund 55 Milliarden
Euro jährlich eingenommen werden sollen. Dazu gehören beispielsweise ein Teil
der Einnahmen aus dem europäischen Emissionshandel sowie neue Beiträge der
Mitgliedstaaten, die sich an den Verbrauchsteuern für Tabak orientieren.
EU-Parlament kritisiert irischen Vorschlag
Auch
im Europäischen Parlament stößt der überarbeitete Verhandlungsrahmen auf
Kritik. Die beiden für den MFR 2028–2034 zuständigen Berichterstatter,
Siegfried Mureșan (EVP, RO) und Carla Tavares (S&D, PT), lehnten den
irischen Vorschlag als Grundlage für eine Einigung ab.
Sie
warnten davor, dass die vorgesehenen Kürzungen die Handlungsfähigkeit insbesondere
bei Wettbewerbsfähigkeit, Verteidigung und Sicherheit schwächen könnten. Zudem
fordern sie einen ausgewogenen Mix neuer Eigenmittel, der sowohl die Vorschläge
der Kommission als auch jene des Parlaments berücksichtigt.
Verknüpfung von EU-Mitteln und Reformen bleibt umstritten
Ungeklärt
bleibt auch die geplante Verknüpfung von EU-Fördermitteln mit nationalen
Reformen im Rahmen der Nationalen und
Regionalen Partnerschaftspläne (NRPP).
Nach
dem Vorschlag der Europäischen Kommission soll die Auszahlung bestimmter
EU-Mittel künftig stärker davon abhängen, ob die Mitgliedstaaten zuvor
vereinbarte Reformen und Investitionen tatsächlich umsetzen. Dabei sollen auch
die länderspezifischen Empfehlungen berücksichtigt werden, die die Kommission
im Rahmen des Europäischen Semesters ausspricht.
Bereits
in der Debatte auf Botschafterebene im Juli hatten elf Mitgliedstaaten,
darunter Frankreich, Italien, Spanien und Polen, Bedenken gegen diese Verknüpfung
geäußert.
Wie geht es weiter?
Der
Europäische Rat hat seinen Präsidenten António Costa beauftragt, die
Verhandlungen fortzuführen. Ziel bleibt eine Einigung bis Ende 2026. Ein
möglicher Sondergipfel am 26. und 27. November könnte die Verhandlungen
voranbringen.
Nach
einer politischen Einigung sollen die MFR-Verordnung und die Rechtsakte für die
einzelnen Förderprogramme 2027 verabschiedet werden. Die MFR-Verordnung muss
vom Rat einstimmig angenommen werden und bedarf der Zustimmung des Europäischen
Parlaments. Auch über neue Eigenmittel muss der Rat einstimmig entscheiden. Anschließend
müssen alle Mitgliedstaaten den Beschluss gemäß ihren jeweiligen
verfassungsrechtlichen Vorschriften billigen.