Rawpixel LtdBevölkerungsprognosen
Eurostat: Migration stabilisiert die Sozialversicherung in Europa.
VS – 04/2026
Die
Bevölkerung in der Europäischen Union wird in den kommenden Jahrzehnten
voraussichtlich stärker zurückgehen als bislang angenommen. Ein zentraler Grund
dafür sind niedrigere Annahmen zur Migration. Diese Entwicklung hat auch
Auswirkungen auf die Sozialversicherungssysteme, insbesondere vor dem
Hintergrund der Alterung der Bevölkerung und des Rückgangs der
Erwerbsbevölkerung.
Neue Prognosen zeichnen pessimistisches Bild
Laut
den Prognosen wird die Bevölkerung der EU zwischen 2025 und 2050 voraussichtlich nur leicht
um 1,5 Prozent beziehungsweise 6,7 Millionen Menschen zurückgehen. Bis zum Ende
des Jahrhunderts soll sie gegenüber 2025 um 11,7 Prozent von 451,8 Millionen
auf 398,8 Millionen sinken. Dies entspricht einem Rückgang um 53 Millionen
Menschen. Deutschland wird nach den Bevölkerungsprognosen von Eurostat eine
ähnliche Entwicklung wie die EU insgesamt verzeichnen. Demnach wird die
Bevölkerung von heute 83,6 Millionen bis 2050 um 3,9 Prozent und bis 2100 um
10,7 Prozent auf 74,7 Millionen Menschen zurückgehen.
Den
aktuellen Prognosen zufolge wird Europa im Jahr 2029 mit 453,3 Millionen
Menschen seinen Höchststand erreichen. Deutschland hat diesen bereits im Jahr
2025 mit 83,6 Millionen Menschen erreicht. Gemäß den Prognosen von Eurostat
wird die Bevölkerung bereits in diesem Jahr zurückgehen – wenn auch nur
marginal, um etwa 75.000 Menschen. Die Prognosen von Eurostat zeigen einen sehr
heterogene Bevölkerungsentwicklung in Europa. Luxemburg und Malta werden ihren
Bevölkerungshöchststand erst um das Jahr 2075 erreichen.
Migration stabilisiert die Bevölkerungsentwicklung
Ohne
Migration würde die Bevölkerung laut den Prognosen in allen EU-Ländern bis 2100
deutlich zurückgehen: Bis 2050 um 10,5 Prozent beziehungsweise 45 Millionen
Menschen und bis zum Jahr 2100 sogar um 40,5 Prozent beziehungsweise knapp 183
Millionen Menschen.
Auch
für die Sozialversicherungssysteme ist dieser Effekt von zentraler Bedeutung,
da Zuwanderung die Zahl der Erwerbstätigen erhöht und somit die Einnahmebasis
stabilisiert. In Deutschland wirkt sich der stabilisierende Einfluss der
Migration noch stärker aus als im EU-Durchschnitt. Ohne Zuwanderung läge der
Rückgang bei 13,2 Prozent bis 2050 und bei 43 Prozent bis 2100. Besonders
ausgeprägt ist dieser Effekt in Malta, Luxemburg und Spanien. Ohne Migration
würde die Bevölkerung dort bis 2100 um 56 beziehungsweise 37 Prozent (Malta,
Luxemburg) sowie um über 50 Prozent (Spanien) schrumpfen. In Bulgarien fällt
der stabilisierende Einfluss dagegen vergleichsweise gering aus und reduziert
den Rückgang lediglich um 9,5 Prozentpunkte.
Demografischer Wandel und Sozialversicherung
Die
Eurostat-Prognosen verdeutlichen den demografischen Wandel in Europa und dessen
weitreichende Auswirkungen auf die Sozialversicherungssysteme sowie auf
Beschäftigung und Arbeitswelt. Der prognostizierte Rückgang der
Erwerbsbevölkerung kann nur durch eine Steigerung der Erwerbsbeteiligung sowie
durch Produktivitätszuwächse infolge technologischen Fortschritts kompensiert
werden. Hieraus ergeben sich erhebliche Anforderungen an die kontinuierliche
Qualifizierung der Beschäftigten sowie an Maßnahmen der Rehabilitation, des
Gesundheits- und des Arbeitsschutzes.
Zugleich
führt die zunehmende Alterung der Bevölkerung zu einem steigenden Bedarf an
Betreuungs- und Pflegeleistungen. Dies stellt nicht nur eine finanzielle
Herausforderung für das Sozialsystem dar, sondern verschärft vor dem
Hintergrund des Rückgangs der Erwerbsbevölkerung auch die Herausforderungen für
die Leistungserbringer.
Bevölkerungsdaten für europäische Monitoringprozesse
Die
neuen Bevölkerungsprognosen werden in das länderspezifische Monitoring im
Rahmen des Europäischen Semesters sowie in verschiedene Berichte einfließen,
darunter den Bericht „Über angemessene soziale Sicherung im Alter“ der
Arbeitsgruppe „Angemessenheit und Nachhaltigkeit der Alterssicherung“ (Working
Group ADAGE) und den Ageing Report 2027 der Arbeitsgruppe Alterung des
Wirtschaftspolitischen Ausschusses. Darin wird evaluiert, inwieweit die
Mitgliedstaaten angesichts pessimistischer Prognosen in ihren Sozialschutzsystemen
Vorsorge getroffen haben, um ein langfristig angemessenes Leistungsniveau und
zugleich deren finanzielle Tragfähigkeit sicherzustellen.