elxeneize - FotoliaEU-Arbeitsschutz nach 2027
Europäisches Parlament startet Debatte über neuen strategischen Rahmen.
SK – 06/2026
Das Europäische Parlament hat die
Debatte über die künftige europäische Arbeitsschutzpolitik eingeleitet. Da der
aktuelle strategische
Rahmen der EU für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz Ende 2027
ausläuft, bewerteten die Europaabgeordneten gemeinsam mit Expertinnen und
Experten die Umsetzung des bestehenden Rahmens und stellten erste Weichen für dessen
Weiterentwicklung. Vertreterinnen und Vertreter von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite,
Forschungseinrichtungen sowie europäischen und internationalen Institutionen
diskutierten dabei die Herausforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt. Im
Mittelpunkt standen insbesondere die Auswirkungen der digitalen und grünen
Transformation auf Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit.
Mehr Verbindlichkeit gefordert
Zu Beginn der Debatte wurde die
Frage aufgeworfen, ob der bisherige strategische Rahmen ausreichend verbindlich
ausgestaltet ist. Mehrfach wurde angeregt, den künftigen Ansatz stärker
politisch zu verankern und zentrale Themen des aktuellen Rahmens
weiterzuentwickeln. Dazu zählen unter anderem die kontinuierliche Überarbeitung
der Richtlinie zu Karzinogenen, Mutagenen und reproduktionstoxischen Stoffen
(CMRD) sowie die wirksame Durchsetzung bestehender Vorschriften.
Zudem wurde angeregt, die Regelungen
zu algorithmischem Management nicht nur auf bestimmte Branchen, sondern auf
alle Berufsgruppen auszurichten. Als wichtige Handlungsfelder für den neuen
Rahmen nannte die Arbeitnehmerseite psychosoziale Belastungen,
Muskel-Skelett-Erkrankungen sowie die Auswirkungen extremer Wetterereignisse.
Dabei wurde betont, dass freiwillige Leitlinien und andere Soft-Law-Instrumente
allein möglicherweise nicht ausreichen. Weitere vom Europäischen
Gewerkschaftsbund eingebrachte Themen waren ein stärker geschlechtersensibler
Ansatz sowie eine effektivere Durchsetzung der Vorschriften durch
Arbeitsinspektionen.
Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit im Fokus
Gleichzeitig wies der
Arbeitgebervertreter darauf hin, dass sich die politischen und wirtschaftlichen
Prioritäten Europas verändert hätten. Künftige Arbeitsschutzvorgaben müssten
daher auch mit industriepolitischen Initiativen – etwa dem Industrial
Accelerator Act und dem Critical Raw Materials Act – und den steigenden
Verteidigungsinvestitionen in Einklang gebracht werden. Vor diesem Hintergrund warb
BusinessEurope für effizientere und praxisnahe Regulierungsansätze. Nicht alle
Regelungsdetails müssten auf europäischer Ebene festgelegt werden.
Darüber hinaus wurde von
verschiedenen Seiten eine stärkere wissenschaftliche Fundierung der
Arbeitsschutzpolitik sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Arbeits- und
Public-Health-Forschung angeregt. Erste Impulse des Beratenden Ausschusses für
Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (siehe DSV-News 01/2026) zeigen,
dass der bestehende europäische Arbeitsschutzrahmen belastbar und
anpassungsfähig ist. Deshalb wurde in Frage gestellt, ob neue regulatorische
Maßnahmen zwingend erforderlich sind.
Kontinuität bei den zentralen Trends
Unabhängig von den
unterschiedlichen Bewertungen regulatorischer Maßnahmen bestand weitgehend
Einigkeit darüber, welche Entwicklungen die Arbeitswelt künftig prägen werden. Die
zentralen Trends der vergangenen Jahre werden auch den zukünftigen Arbeitsschutz
prägen. Digitalisierung, demografischer Wandel und der grüne Übergang gelten
weiterhin als maßgeblich für die Arbeitswelt. Als besonders relevant werden
dabei psychosoziale Risiken und Muskel-Skelett-Erkrankungen eingeschätzt, denen
verschiedene Untersuchungen, unter anderem der Europäischen Agentur für
Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA), die größten
Auswirkungen zuschreiben. Insbesondere für psychosoziale Belastungen liegt
inzwischen eine wissenschaftliche Evidenzbasis vor, aus der ein Handlungsbedarf
abgeleitet werden kann. Zudem wurden Berufskrankheiten als ein künftig
besonders relevantes Handlungsfeld im Arbeitsschutz identifiziert.
Parallele Entwicklungen
Obwohl die offizielle
Konsultation der Stakeholder noch nicht begonnen hat, werden bereits erste
Positionen veröffentlicht, um Einfluss auf laufende politische Initiativen wie
den geplanten Quality Jobs Act zu nehmen. So sprachen sich Arbeitgeber- und
Wirtschaftsverbände Mitte Juni in einer Stellungnahme
zu psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz gegen deren Regulierung durch
eine eigenständige Richtlinie aus. Gleichzeitig wird im Ausschuss für
Beschäftigung und soziale Angelegenheiten (EMPL) ein Initiativbericht zu den
Auswirkungen extremer Temperaturen auf die Arbeitswelt vorbereitet.
Auch auf nationaler Ebene sind
Entwicklungen zu Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu beobachten. Im
Bundesrat wurde erneut ein Entschließungsantrag
zum Bürokratieabbau und zur Verwaltungsmodernisierung im Arbeitsschutz eingebracht. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, das nationale
Arbeitsschutzrecht im Rahmen der föderalen Modernisierungsagenda umfassend zu
überprüfen, zu modernisieren, zu vereinfachen und von unnötigen bürokratischen
Belastungen zu entlasten.