EU-Bevölkerung wird älter und langfristig kleiner

VS – 09/2026

Die Menschen in der EU werden älter, zugleich wird die Bevölkerung langfristig schrumpfen. Welche Folgen das für den Arbeitsmarkt, die soziale Sicherung, Gesundheit und Pflege hat, zeigt der im Juli veröffentlichte dritte Bericht der Europäischen Kommission zum demografischen Wandel.

Der vom Gemeinsamen Forschungszentrum der EU (JRC) erstellte Bericht beschreibt die demografischen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf Wettbewerbsfähigkeit, Innovation, sozialen Zusammenhalt und nachhaltige Entwicklung und zeigt auf, wie Politik und Gesellschaft darauf reagieren können.

Schrumpfende Erwerbsbevölkerung und steigender Anteil älterer Menschen

Laut dem Bericht wird die Bevölkerung der EU voraussichtlich schrumpfen und zugleich älter werden. Mit derzeit 450,6 Millionen Menschen nähert sie sich ihrem Höchststand. Bis 2050 wird die Bevölkerung voraussichtlich auf rund 445 Millionen und bis 2100 auf 398,8 Millionen Menschen sinken – ein Rückgang um rund 11,7 Prozent.

Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung: 2024 lag sie bei der Geburt bei 81,5 Jahren. Bis 2100 könnte sie auf über 90 Jahre für Frauen und 86 Jahre für Männer steigen. Bis 2050 könnte fast jeder dritte EU-Bürger 65 Jahre oder älter sein, gegenüber etwa jedem Fünften heute.

Diese Entwicklung wirkt sich auf viele Bereiche aus. Wenn weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter einer wachsenden Anzahl älterer Menschen gegenüberstehen, dass die den Arbeitskräftemangel verschärfen und die Sozialversicherungs-, Gesundheits- und Pflegesysteme sowie den regionalen Zusammenhaltbelasten. Eine höhere „gesunde Lebenserwartung“ eröffnet jedoch auch Möglichkeiten, sich länger aktiv in die Gesellschaft einzubringen. Sei es auf dem Arbeitsmarkt oder in ehrenamtlichen Betätigungen.

Mehr Menschen für den Arbeitsmarkt gewinnen

Besonders deutlich zeigen sich die Folgen des demografischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt. Wenn künftig weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter zur Verfügung stehen, gewinnt die bessere Nutzung des vorhandenen Arbeitskräftepotenzials an Bedeutung. Gegenwärtig sind laut Bericht rund 20 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter nicht in den Arbeitsmarkt integriert. Das geschlechtsspezifische Beschäftigungsgefälle beträgt weiterhin rund zehn Prozentpunkte. Zudem sind rund acht Millionen junge Menschen weder in Beschäftigung noch in Bildung oder Ausbildung.

Der Bericht verweist daher unter anderem auf eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen, Qualifizierung und Umschulung, längere Erwerbsbeteiligung älterer Menschen sowie Produktivitätssteigerungen durch Innovation und künstliche Intelligenz. Auch die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte kann einen wichtigen Beitrag zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs leisten.

Renten langfristig sichern

Mit der Alterung der Bevölkerung stellt sich auch die Frage, wie die Rentensysteme langfristig finanziert werden können und zugleich angemessene Alterseinkommen gewährleisten werden. Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren bleiben jedoch beherrschbar. Allerdings können sich Reformen zur Sicherung der finanziellen Tragfähigkeit je nach Bildung, Geschlecht, sozialem Hintergrund und Altersgruppe unterschiedlich auf die einzelnen Versicherten auswirken.

Der Bericht weist auch auf das Maßnahmenpaket zur Stärkung der zusätzlichen Altersvorsorge hin, das die Kommission im November 2025 vorgelegt hat. Es soll zur Einkommenssicherung im Alter beitragen und zugleich zusätzliches langfristiges Kapital für Investitionen in Europa mobilisieren.

Bedarf an Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege wächst

Mit einer älter werdenden Bevölkerung steigt der Bedarf an Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege. Die Zahl der Menschen mit Unterstützungsbedarf könnte bis 2070 von 36 auf 48 Millionen steigen. Zugleich wird sich der Anteil der über 80-Jährigen voraussichtlich verdoppeln. Damit dürften auch die öffentlichen Ausgaben für Langzeitpflege deutlich steigen.

Eine besondere Herausforderung sind die Fachkräfte. Schon heute fällt es dem Pflegebereich schwer, ausreichend Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu halten. Wenn künftig weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter zur Verfügung stehen und der Pflegebedarf steigt, dürfte sich der Druck auf den Pflegearbeitsmarkt weiter erhöhen.

Der Bericht verweist in diesem Zusammenhang auf bestehende EU-Initiativen wie die Europäische Strategie für Pflege und Betreuung und die Ratsempfehlung über den Zugang zu bezahlbarer und hochwertiger Langzeitpflege. Innovationen und Effizienzsteigerungen können nach Einschätzung des Berichts dazu beitragen, auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels eine leistungsfähige Pflege sicherzustellen.

Wie geht es weiter?

Die EU-Kommission will insbesondere auf den wachsenden Pflege- und Betreuungsbedarf reagieren. In ihrer Rede zur Lage der Union am 16. September hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einen „European Care Deal“ angekündigt. Dieser soll die mit dem demografischen Wandel verbundenen Herausforderungen im Pflege- und Betreuungsbereich aufgreifen.