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Die COVID-19-Krise aus Sicht
der jungen Generation 

Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) warnt vor einer „Lockdown- Generation“. Dahinter verbirgt sich die Sorge, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Folge der Corona-Krise noch gravierender ausfallen könnte, als nach der Finanzkrise 2008. Damals wurde bereits von einer „verlorenen Generation“ gesprochen.

 

Schon vor COVID-19 waren junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren etwa dreimal häufiger arbeitslos als Menschen über 25.1 Laut IAO hat jeder sechste Jugendliche zwischen 18 und 29 Jahren (17,4 Prozent) seit Ausbruch der Corona-Krise aufgehört zu arbeiten. Bei den in Arbeit Verbliebenen sind die Stunden, in denen gearbeitet wurde, um 23 Prozent zurückgegangen.2 Darüber hinaus arbeiten vier von zehn jungen Menschen weltweit in Branchen, die besonders von der Krise betroffen sind, wie Tourismus oder Einzelhandel.3 Kündigungen sind wegen des oft geringeren Kündigungsschutzes wahrscheinlicher als für ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Chancen auf Neueinstellung im eingebrochenen Arbeitsmarkt sind geringer als für Menschen mit Berufserfahrung. Und auch Ausbildungsplätze sind in Zeiten der Krise schwerer zu finden.

 

Maßnahmen und Politik-Empfehlungen 

Internationale Organisationen, wie die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die IAO empfehlen den Unternehmen, wirtschaftliche Anreize für die Neueinstellung junger Arbeitskräfte zu setzen und in die berufliche Bildung zu investieren.4 Bisher ergriffene staatliche Maßnahmen kämen überwiegend denjenigen zugute, die ihre Arbeit behalten hätten. Targeting- und Profiling-Strategien, um die am stärksten betroffenen Jugendlichen zu erreichen, könnten dabei helfen, der befürchteten Entwicklung entgegenzuwirken. Hilfreich könnten außerdem Investitionen in für junge Arbeitsuchende geeignete Wirtschaftssektoren und entsprechende Arbeitsvermittlungsdienste sein.5

 

Auf europäischer Ebene hat die EU-Kommission die Initiative „Förderung der Jugendbeschäftigung: Eine Brücke ins Arbeitsleben für die nächste Generation“ angestoßen. Hierzu gehört unter anderem eine Empfehlung des Rates, mit der die „Jugendgarantie“ gestärkt werden soll und ihre Reichweite auf schutzbedürftige junge Menschen in der gesamten EU im Alter von 15 bis 29 Jahren ausgedehnt wird.

 

Darüber hinaus hat die Europäische Ausbildungsallianz (EAfA) das Ausbildungsplatzangebot für junge Menschen auf mehr als neunhunderttausend Plätze aufgestockt. Die EAfA vereint Regierungen und wichtige Interessengruppen mit dem Ziel, die Qualität, das Angebot und die Attraktivität von Lehrlingsausbildungen in Europa zu stärken und gleichzeitig die Mobilität von Lehrlingen zu fördern. Zusätzlich sollen kurzfristige Beschäftigungs-und Existenzgründungsanreize sowie mittelfristig der Aufbau von Kapazitäten, die Schaffung von Netzwerken junger Unternehmerinnen und Unternehmer und unternehmensübergreifenden Ausbildungszentren zur Förderung der Beschäftigung junger Menschen beitragen.

 

Die EU-Kommission legt den Mitgliedstaaten nahe, mindestens 22 Milliarden Euro, vorrangig aus dem Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+), im Rahmen des Mehrjährigen Finanzrahmens 2021 bis 2027 (MFR) in die Jugendbeschäftigung zu investieren. Bis zu dessen Inkrafttreten stehen Mittel aus der Aufstockung der EU-Kohäsionsprogramme (2014 bis 2020) zur Verfügung. Diese wurden durch die Initiative REACT-EU um 55 Milliarden Euro aufgestockt und sollen dabei helfen, die Lücke zwischen den ersten Krisenmaßnahmen und dem längerfristigen Wiederaufbau zu schließen. 

©Kzenon – iStockphotoBerufliche Bildung als Chance auf einen Arbeitsplatz. 

Einige europäische Länder haben ihrerseits bereits Maßnahmen für Ausbildung und Eintritt in den Arbeitsmarkt ergriffen. Soweit Maßnahmen zur Förderung des Berufseinstiegs ergriffen wurden, reichen sie von Zuschüssen an die Unternehmen bis zur Förderung hochwertiger Praktika und den Erlass von Sozialversicherungsbeiträgen für Arbeitgeber. In Frankreich werden zum Beispiel im Rahmen des Programms „1 jeune, 1 solution“ Zuschüsse an Unternehmen für die Einstellung von Auszubildenden gewährt. Für Auszubildende unter 18 Jahren beträgt der Zuschuss fünftausend Euro, für Auszubildende über 18 Jahren achttausend Euro.6 Jungen Menschen ohne Qualifikation werden neue Qualifizierungskurse angeboten. Ferner plant Frankreich, sechzehntausend Ausbildungsplätze im Gesundheitswesen zu schaffen, um die Ausbildungskapazitäten von Pflegekräften und Krankenschwestern in den nächsten fünf Jahren zu verdoppeln. Das Programm umfasst ein Budget von 6,5 Milliarden Euro. 


Mit dem Programm „Kickstart“ möchte Großbritannien dreißigtausend neue Ausbildungsplätze schaffen und bietet Unternehmen ebenfalls gestaffelt nach Alter vom 1. August 2020 bis 31. Januar 2021 Zuschüsse von eintausendfünfhundert bis zweitausend britischen Pfund (ca. eintausendsechshundert bis zweitausendzweihundert Euro) für jeden neu eingestellten Auszubildenden. Zudem sollen hunderttausende qualitativ hochwertiger 6-Monats-Praktika für Menschen im Alter von 16 bis 24 Jahren geschaffen werden, die Sozialleistungen beziehen. Für „Kickstart“ ist ein Fonds von zwei Milliarden Pfund vorgesehen.7 


Deutschland möchte mit dem Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ bestehende Förderinstrumente ergänzen. Betriebe, die ihr Ausbildungsniveau stabil halten oder ausbauen, sollen Ausbildungsprämien erhalten. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die Auszubildende aus pandemiebedingt insolventen KMUs übernehmen, erhalten eine Übernahmeprämie. Die Möglichkeit zur temporären Weiterführung der Ausbildung in überbetrieblichen Berufsbildungsstätten soll gefördert werden. Auch Österreich will die Anzahl der Plätze in überbetrieblicher Lehrausbildung ab Herbst deutlich aufstocken, damit alle Jugendlichen eine Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen. 

Lessons learnt?

 

Die IAO befürchtet, dass junge Menschen nicht nur gegenwärtig überproportional von der COVID-19-Krise betroffen sind, sondern dies auch Folgen für ihr weiteres Berufsleben haben wird. Dies kann zu negativen Auswirkungen auf Beschäftigungsaussichten, Einkommen und Renten führen.8 

Es bleibt abzuwarten, ob es gelingen wird, dem sich abzeichnenden Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit mit all ihren Folgen wirksam zu begegnen. Auch nach der Finanzkrise 2008 stieg sie bis 2013 auf ein Rekordhoch von 24,4 Prozent und trotz Maßnahmen, wie der Jugendgarantie, hat es weitere sechs Jahre gedauert, bis sie Ende 2019 wieder auf 14,9 Prozent gefallen war. Damit lag sie jedoch immer noch doppelt so hoch, wie die allgemeine Arbeitslosenquote im EU-Durchschnitt. Mit Blick auf die hohe Staatsverschuldung werden nicht in allen Ländern ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, der Jugendarbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Hier könnten EU-Mittel helfen. 

Eine andere Frage ist es, ob perspektivisch der prekären Situation vieler junger Menschen nachhaltig Abhilfe geschaffen werden kann. Atypische Beschäftigungsformen wie Plattformarbeit mit allen Vor-und Nachteilen der Flexibilität sind unter jungen Menschen zunehmend verbreitet. Die EU-Kommission hat eine Studie speziell über den Zugang junger Menschen zum Sozialschutz angekündigt. Dabei sollen die Voraussetzungen für verschiedene Sozialleistungen bei unterschiedlichen Beschäftigungsformen erfasst werden. Die Studie soll insbesondere den Austausch bewährter Verfahren unterstützen.